2018

Ansichten des Kaiserlei

Photography

Die Ansichten des Kaiserlei sind eine Serie von Fotoradierungen, die ein Industrie- und Gewerbegebiet zwischen Frankfurt und Offenbach zeigen. Angelehnt an die Veduten des Italienischen Grafikers Piranesi werden die Bürogebäude und Verkehrsbauwerke des Kaiserlei als eine Weltausstellung der Gegenwart präsentiert. Ein neuer Architekturkanon entsteht in dem jedes Bauwerk gleichzeit lokale Tristesse und ökonomische, historische, soziale Verknüpfung mit der ganzen Welt darstellt. Die Ansichten sind mit einer eigens entwickelten Fotoradierungstechnik umgesetzt, die digitale, analogfotografische und druckgrafische Techniken verbindet. Dadurch entsteht eine Mischung von medialen Spuren, die die zeitliche Einordnung und Authentizität der Bilder weiter verunklärt.

Eine Fotoradierung zeigt einige Personen, die die mit Graffiti bemalte Glaspyramide, die als Lichtschacht für die unterirdische S-Bahn Station Kaiserlei dient, betrachten. Dahinter ist die Baustelle der Mercedes Benz Niederlassung.
Eine Fotoradierung die den gläsernen Aufzugsschacht der S-Bahnstation Kaiserlei zeigt.

Ellen Wagner, Ausstellungstext zu „Garten/Kein Garten“ Werkbundforum Frankfurt 2018 (Auszug)


Nikolaus KockelsOffenbach-Ansichtenhalten mehr oder weniger markante landschaftliche und bauliche Besonderheiten oder „Sehenswürdigkeiten“ im weiteren Sinne aus dem Offenbacher Stadtgebiet fest. Die Blätter zeigen die Verkehrsführung am Kaiserlei, stadtplanerische Überreste nicht vollendeter urbaner Visionen, den so legendären wie architektonisch unspektakulären Robert Johnson Club – gräuliche Panoramen, von Druckerschwärze wie von tiefen Schatten durchzogen, mitunter wie im Nieselregen, diesig und flusig, neblig und dann wieder stellenweise blendend hell und überbelichtet. Die Bilder wirken unwirklich und zeigen doch profanste Alltagseindrücke, wie wir sie alle täglich aufnehmen, auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder Sonntagsspaziergang. Dabei vermittelt sich in den Fotoradierungen zugleich ein jeweils spezifisches „Klima“, im Sinne einer nahezu spürbaren Temperatur und Wetterlage, die durch die Belichtungsart der Platten und den Farbauftrag vom Künstler moduliert werden. In den schwarzen und weißen Abstufungen vermittelt sich sowohl eine eigentümliche Distanz als auch eine einnehmende Atmosphäre und emotionale Gestimmtheit die uns mit diesen gezeigten Orten verbindet – ganz unabhängig davon, ob wir sie bereits physisch aufgesucht haben.

Offensichtlich ist in Kockels Fotoradierungen deren Bezug auf die vor allem seit dem 17. Jahrhundert verbreiteten Veduten in der Malerei und Druckgrafik. Die Wiedererkennbarkeit beruht in diesen Landschaftsansichten sowohl auf Wirklichkeitstreue als auch auf der Zuspitzung besonderer Charakteristika und der Berücksichtigung idealer Vorstellungen von diesem Ort. Die Vedute ist somit ein Ort, in dem die Grenzen von Verfälschung und dem Zulassen einer Vielfalt der Perspektiven und Visionen stetig neu gezogen wird. Auch in Kockels Serie scheinen einzelne Bildelemente unseren gewohnten Ansichten auf die Offenbacher Stadtlandschaft zu widersprechen. Sieht das da wirklich so aus? Von wann ist diese Ansicht? Was wird da gerade gebaut? Und was zeigt uns der Künstler hier eigentlich?

Veduten dienten oft als Souvenirs von einer Reise und zeigen Landschaften in erster Linie so, wie man sich an sie erinnern möchte. Dennoch brachten bereits frühe Veduten, z. B. Giovanni Battista Piranesi, etwa durch Vignetten am unteren Bildrand ihre Zusammengesetztheit aus Ansichten im körperlich perspektivischen wie auch diskursiven Sinne mit zum Ausdruck. Auch Kockels Bilder greifen diese Besonderheit auf: Informationen und Beschreibungen aus unterschiedlichen Quellen, aus Stadtnachrichten, Wikipedia oder privaten Kommentaren werden hier zu Beschriftungen amalgamiert, in denen der Blick auf die Landschaft selbst als gezeichnet von persönlichen und politischen Haltungen und Interessen sichtbar wird.

Beschriftungen


New Frankfurt Towers/KWU-Gebäude

Ansicht der „New Frankfurt Towers“, auch bekannt als KWU- oder Siemens-Gebäude. Rechts vorne das sog. „Schlüsselgebäude“ (weil der Grundriss einem Schlüssel ähnelt), ein Standort des Netzwerktechnikanbieters Aixit. Die „Towers“ wurden angeblich (OP 18.03.1971) von einem Schüler Nervis erbaut. Ursprünglich ein typisches Back-Office, jetzt nach langem Leerstand von Nomaden (Business Freestyler, Tiger Women, Silverperneure) als Wohnraum genutzt. „Im direkten Umfeld findet eine durchgreifende Quartiersentwicklung statt.“ (https://www.cg-gruppe.de/immobilien/projekte/in-vorbereitung/new- frankfurt-towers/16360?lang=de).


Pyramide

Ansicht der westlichen Pyramide Kaiserlei S-Bahn Station.

Die Pyramide befindet sich an der Süd-West Seite des Kreisels über einer von Ost nach West verlaufenden unterirdischen Tunnelanlage. Die Inschriften auf der Pyramide werden ver- schiedenen lokalen Meistern zugeordnet. Ihre Errichtung fällt in die Regierungszeit des Frankfurter Bürgermeisters Andreas von Schoeler, somit gehört sie zu den Gründungs- bauten des neuen Rhein-Main-Verkehr-Bundes. Im Hintergrund: Mercedes-Niederlassung. Gut erkennbar die zweijochige Vorhalle. Auch ohne Dach zeugen die Säulen von der Größe und Pracht des Gebäudes. Links: Schild mit einer (Re?)konstruktion des Gebäudes. Aus unbekannten Gründen fehlt auf der Ansicht die Pyramide.


Kaiserlei-Brücke und Felsen

Ansicht des Großen Kaiser-Fachs mit Felsen und Brücke. Der Name rührt von einem großen Felsen, der so genann- te Kaiserlei, welcher sich nahe der heutigen Kaiserleibrücke vom Frankfurter Ufer in das Flussbett des Mains schob. „(…) Kaiserlei [bedeutet] so viel wie Kaiserfelsen. (…) Im Jahr 1852 wurde der Fels gesprengt, um die Fahrrinne für Mainschiffe zu verbreitern.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Offenbach-Kaiserlei)


Disperse Bebauung

„Disperse Bebauung nördlich der Strahlenberger Straße.“ (Masterplan, Magistrat Offenbach, AS&P, 2015) Ungenutzte Potentiale, klassische Architektur der 60er Jahre wartet auf eine zeitgemäße Sanierung, attraktiver Möbelgroßmarkt, kleine Parzellen, die sich mit individuellen Konzepten aufwerten lassen, „Sehr gute Anbindung über die A661. Gute Erreichbarkeit über öffentliche Verkehrsmittel, die nächste S-Bahn-Station befindet sich fußläufig in ca. 5 Gehminuten Entfernung“ (immobilienscout24.de)


Strahlenbergerstr. 69

Ansicht der Strahlenbergerstr. 69 Von der Brachfläche im Kreisel aus gesehen. Einziger Rest einer nie realisierten Vorkriegsplanung für eine symmetrische Bebauung mit Mehrfamilienhäusern. Links vom Gebäude ist das Tor zum Hof der Anlage zu sehen. Am linken Bildrand Lohrey Weine, dahinter das ehemalige Gebäude des Deutschen Wetterdienstes DWD, der inzwischen wieder ins Herzen Offenbachs umgezogen ist. Rechts die A661, die auf Stützen den Kreisel überquert.


Robert Johnson

„Sitting just across the river from Frankfurt, Robert-Johnson is an intimate club run by Ata and Sebastian Kahrs. The venue is defined by its minimalist flair: its main room contains little more than a dance floor with space for less than a hundred people, a DJ booth with inlayed turntables and a rotary mixer, a few benches and a bar (there‘s also a balcony with a view of the Main River wrapping around the small building). The sound system is by Martin Audio, and many consider it to be one of the best in Europe. Since 2003, the club has run its own label, Live at Robert Johnson, with 12-inches and albums as well as a run of mix CDs that wrapped up in 2011.“ (https://www.residentadvisor.net/club.aspx?id=1467)


Erstaufnahmeeinrichtung

Ansicht der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete 1. Wegweiser, 2. Container, 3. Westend, 4.Notausgang (nachträglich).